Wiener Tafel

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© Walter Grösel

Ihr Motto: Lebensmittel gehören in den Magen statt in den Müll.

Der 9.9.1999 war nicht nur ein beliebtes Datum, um zu heiraten. Auch eine NGO wurde an diesem Tag gegründet: Die Wiener Tafel – Verein für sozialen Transfer. Seit nun mehr als 15 Jahren arbeitet man daran, eine "Brücke zwischen Überfluss und Mangel" zu bauen. Beständiger als so manche Ehe, denn die dauert in Österreich statistisch gesehen 10,7 Jahre.

Ähnliche Einrichtungen, die als Vorbild dienten, existierten damals schon in den Vereinigten Staaten und in Deutschland, deren Grundidee ebenso simpel wie genial und vor allem für Jedermann nachvollziehbar ist: Einerseits Überfluss, andererseits Mangel. Warum nicht Lebensmittel bedürftigen Menschen zugute kommen lassen, bevor man sie wegschmeißt? Zwei Probleme werden so bekämpft: Hunger und Abfall. Mit Lebensmittel, die ansonsten entsorgt werden würden, versorgt man bedürftige Menschen. Die größte Herausforderung dabei? Die Logistik. Die Wiener Tafel bezeichnet sich deswegen auch als "Sozialspedition".

1999: Zwei Studenten, eine Vision und 5.000 Schilling. Ein Kleintransporter, von einem befreundeten Sozialverein zur Verfügung gestellt, liefert die sporadischen Warenspenden zu den karitativen Einrichtungen. Anfangs sind es drei, derzeit 117 belieferte Stellen.

Wie funktionierts?

Bis zu drei Tonnen Lebensmittel pro Tag rettet die Wiener Tafel. 16.000 Armutsbetroffene in diversen Sozialeinrichtungen in und um Wien werden damit versorgt. Dabei handelt es sich um Über- und Probeproduktionen, überschüssige Lagerbestände, fehletikettierte Waren und ähnliches. Derzeit spenden über 180 Unternehmen aus Handel, Industrie und Landwirtschaft Waren. MitarbeiterInnen der Wiener Tafel holen die Waren zum vereinbarten Zeitpunkt ab. Verladung, Transport und Auslieferung übernimmt die NPO.

Aus lebensmittelrechtlichen Gründen können übrigens keine Privatpersonen Lebensmittel an die Wiener Tafel spenden. Die Rettung und Verteilung der Lebensmittel werden zu 100% von Freiwilligen geleistet. Das ehrenamtliche Engagement ist neben Sponsoring und Mitgliedsbeiträgen die Grundlage des Vereins. Geldspenden werden zur Deckung der Benzinkosten für den Fuhrpark verwendet. Aktuell ist man zudem auf Spenden für das neue Lager inklusive Lebensmittelverteilzentrum, das TafelHaus, am Großmarkt Wien-Inzersdorf angewiesen, durch das die Menge an geretteten Lebensmitteln in nur drei Jahren verdoppelt werden soll.

Durch die Umverteilung schafft man eine "Win-Win-Win-Situation für Wirtschaft, Umwelt und Soziales", wie die Wiener Tafel auf ihrer Homepage schreibt. Die Unternehmen sparen Entsorgungskosten und zeigen soziale Verantwortung, die Umwelt wird geschont, Soziale Einrichtungen profitieren.

Vertafelung der Gesellschaft?

Die Wiener Tafel wurde zahlreich ausgezeichnet: 2006 zum Beispiel als NGO des Jahres, 2007 mit dem Dr.-Karl-Renner-Preis, 2009 erhielt man den Greinecker- sowie den Liese Prokop-Preis.

Dennoch gibt es Kritik am System der Tafeln. Hierbei wird nicht bemängelt, dass diese Einrichtungen Bedürftigen helfen, sondern wie sie es tun. Zum zwanzigjährigen Jubiläum des Bestehens der Tafeln in Deutschland formierte sich 2013 das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln". Man kritisiert, dass die privaten Initiativen längst zum Teil des öffentlichen Netzes geworden seien. Kurzum: Almosen statt Rechte. Gegen die Intention der Tafeln seien diese keine Lückenfüller oder Helfer in akuter Not mehr, sondern Teil der Grundversorgung. So würde das System der Tafeln zum schleichenden Abbau des Sozialstaates beitragen.

Die Wiener Tafel betont daher, "nur Sozialeinrichtungen, die begleitende Maßnahmen zur Armutsbekämpfung anbieten" zu beliefern. Da Almosen alleine niemanden aus der Armut befreit, setzt man auf die Zusammenarbeit mit professionellen und Beratungs- und Betreuungseinrichtungen. Die Wiener Tafel versteht ihren Einsatz als ergänzendes Hilfsangebot, das den Staat keinenfalls aus seiner sozialen Verantwortung entlässt.

Die Wiener Tafel ist Mitglied im Verband der Österreichischen Tafeln, die neben der Wiener aus der Pannonischen, Flachgauer und Welser Tafel besteht, die Tafel Süd ist assoziiertes Mitglied. Spenden an die Wiener Tafel sind seit 1. Januar 2009 von der Steuer absetzbar, das Österreichische Spendengütesiegel besitzt man nicht. Ausgaben und Einnahmen werden zwar prozentuell aufgeschlüsselt, allerdings werden keine Zahlen beziehungsweise Geldsummen genannt.
22.03.2017