Wenn Essen unleistbar wird

Tonnenweise Lebensmittel werden jährlich vom Handel aber auch von Privathaushalten entsorgt. Um der "Wegwerfgesellschaft" im Sinne der Nachhaltigkeit entgegenzuwirken und zeitgleich bedürftigen Menschen zu helfen, sammeln Sozialmärkte und karitative Lebensmittelausgaben die entsorgten Produkte. Ein Konzept, das hierzulande kaum mehr wegzudenken ist.

Übereinander gestapelte Kartonkisten mit Lebensmitteln wie Brot und Gemüse gefüllt.Übereinander gestapelte Kartonkisten mit Lebensmitteln wie Brot und Gemüse gefüllt.Übereinander gestapelte Kartonkisten mit Lebensmitteln wie Brot und Gemüse gefüllt.Übereinander gestapelte Kartonkisten mit Lebensmitteln wie Brot und Gemüse gefüllt.[1493720912235782.jpg]
Brot, Gemüse, Schokolade - was noch bedenkenlos verzehrbar ist, wird eingesammelt und von Sozialmärkten oder Tafeln angeboten. © spendeninfo.at / Hannah Hauptmann
Ein abgelaufenes Joghurt, eine Banane mit braunen Flecken, ein Schreibfehler auf der Verpackung. Jährlich werden vom Handel aber auch von Privathaushalten Tonnen an Lebensmitteln aufgrund dieser oder vergleichbarer Makel entsorgt. Denn wer genug hat, kann sich auch einiger Produkte entledigen, so die Mentalität der "Wegwerfgesellschaft". Für viele Menschen in Österreich ist die Situation jedoch eine andere. Bei ihnen stellt sich viel mehr die Frage, wie Nahrungsmittel überhaupt erst erstanden werden sollen.

Finanzielle Belastung

Lebensmittel sind teuer. Im Durchschnitt geben Haushalte in Österreich monatlich rund 350 Euro für den Einkauf von Nahrungsmitteln und alkoholfreien Getränke aus, hält eine Konsumerhebung der Stadt Wien fest. Ein finanzieller Aufwand, der viele Familien aber auch Einzelpersonen belastet. Denn in etwa 1,5 Millionen Menschen, und somit 17 Prozent der ÖsterreicherInnen, sind hierzulande armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.

Betroffene Gruppen sind vor allem Frauen im Alter, Kinder, AlleinerzieherInnen, Langzeitarbeitslose sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen. So sind allein 29 Prozent der alleinlebenden pensionsbeziehenden Frauen armutsgefährdet. Zieht man die aktuelle Armutsgefährdungsschwelle in Höhe von 1.259 Euro heran, zeigt sich offensichtlich, dass die Durchschnittsausgaben für Lebensmittel bei von Armut betroffenen Personen schnell zu Anschaffungsproblemen führen können.
Projekt des Monats: Wiener Tafel - Lebensmitteltransfer: Die Schatzsuche der anderen Art (Mai 2017) © spendeninfo.at / Hannah Hauptmann & Thomas Kronberger

Nachhaltigkeit und Hilfe

Genau bei diesem Problem setzt die Idee der Sozialmärkte und karitativen Lebensmittelausgaben an. An verschiedenen Standorten werden gut erhaltene und genusstaugliche Lebensmittel, welche aus verschiedenen Gründen entsorgt würden, an bedürftige Menschen weitergegeben. Neben der Entlastung der Haushaltskasse wird so auch bei dem klassischen Problem der Lebensmittelverschwendung angesetzt. Klares Kriterium: Die angebotenen Produkte müssen noch unbedenklich verzehrfähig sein.

In den sogenannten Sozialmärkten kann vom kommerziellen Markt Aussortiertes dann um einen wesentlich günstigeren Preis erworben werden. Hauptaugenmerk liegt dabei auf Waren des täglichen Gebrauchs wie eben Nahrungsmitteln, aber auch Hygieneartikel werden in kleineren Mengen angeboten. Anspruch auf ein Vollsortiment besteht natürlich nicht und auch ist der wöchentliche Einkauf auf den Eigenbedarf begrenzt. Einkaufsberechtigt sind, abhängig von den Richtlinien der verschiedenen Märkte, Personen mit einem Maximaleinkommen zwischen 950 und 1.259 Euro – steigend mit der Haushaltsgröße. Nach Ausstellung einer Berechtigungskarte, für die beispielweise Einkommensnachweis und Meldezettel benötigt werden, können die KundInnen die Produkte erwerben.

Neben diesen sozialen Läden bieten "Tafeln" den kostenlosen Erwerb von Lebensmitteln – an manchen Standorten auch den Tausch gegen einen symbolischen Betrag. Zwei der national bekanntesten Tafelorganisationen sind wohl die Wiener Tafel und die "Team Österreich Tafel" des Österreichischen Roten Kreuzes. Während erstere die gespendeten Güter direkt an Sozialeinrichtungen transportiert, verteilt die ÖRK-Tafel die Lebensmittel mithilfe ehrenamtlicher MitarbeiterInnen selbst an Bedürftige – die subjektiv empfundene Not steht hier im Vordergrund der Ausgabe.

Einkauf und Austausch

Wie der Verlauf der letzten Jahre zeigt, steigt das Angebot an Sozialmärkten kontinuierlich. Neben dem günstigen Erwerb der Produkte, stelle aber auch die zwischenmenschliche Kommunikation der KundInnen einen wichtigen Faktor dar. "Das Konzept der Sozialmärkte des Samariterbundes zielt darauf ab, den KundInnen günstige Einkaufsmöglichkeiten zu bieten, aber auch die Kommunikation und den Austausch zu fördern. Denn Armut darf nicht zur gesellschaftlichen Ausgrenzung führen", betont Oliver Löhlein, Geschäftsführer des Samariterbund Wiens.

Gesellschaftliche Integration, Nachhaltigkeit, Lebensmittelverwertung und allen voran Hilfe für armutsbetroffene Menschen. Die Sozialmärkte und Lebensmittelausgaben greifen diese positiven Aspekte auf und gleichen dabei zwei Extreme aus: Überschuss und Defizit.

Spendenprojekte

Folgend ist ein Auszug der Sozialmärkte und Hilfsprojekte aufgelistet. Sowohl die Märkte als auch die Lebensmittelausgaben sind auf Geld- und Sachspenden, einige aber auch auf freiwillige Mitarbeit angewiesen.
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© Walter Grösel
Als einer der Partnermärkte vom Dachverband SOMA Österreich & Partner betreibt der Arbeiter-Samariter-Bund Wien in der Landeshauptstadt insgesamt fünf Sozialmärkte. Waren des täglichen Gebrauchs werden anhand symbolischer Preise an finanziell schwache Personen verkauft. Mehr...
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© Walter Grösel
Le+O: Lebensmittel und Orientierungsberatung der Caritas Wien unterstützt durch die Ausgabe von Lebensmitteln und bietet zugleich Beratung durch SozialarbeiterInnen an. Bisher profitierten etwa 32.000 Menschen von dem Projekt. Mehr...
Rotes Kreuz Illustration.jpgRotes Kreuz Illustration.jpgRotes Kreuz Illustration.jpgRotes Kreuz Illustration.jpg[140974114506152.jpg]
© Walter Grösel
Die Team Österreich Tafel, eine Lebensmittelhilfe von dem Radiosender Ö3 und dem Österreichischem Roten Kreuz, ist seit 2010 aktiv. An insgesamt 115 Ausgabestellen verteilen die 3.000 freiwilligen MitarbeiterInnen Nahrungsmittel an rund 6.000 Personen in der Woche. Mehr...
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© Walter Grösel
Die Wiener Tafel agiert schon seit 1999 gegen die Lebensmittelverschwendung zugunsten bedürftiger Menschen in Österreich. Täglich werden Tonnen an Lebensmitteln von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen eingesammelt, um die Spenden an Sozialeinrichtungen zu verteilen. Mehr...
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© Walter Grösel
Im Sozialzentrum Säulengasse unterstützt ADRA bedürftige Menschen durch warme Mahlzeiten und eine Kleiderausgabe. Jeden Sonntag können Betroffene in der Zeit von 10-11 Uhr Lebensmittelpakete entgegennehmen. Mehr...
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© Walter Grösel
Im VinziMarkt in Wien Simmering (auch zu SOMA zugehörig) bieten die VinziWerke Lebensmittel und Hygieneprodukte für armutsbetroffene WienerInnen an. Die Einkommensgrenze ist in diesem Markt auf 950 Euro festgesetzt. Mehr...
AutorIn:
Monika Knasmillner
16.10.2019