US-Luftangriff auf MSF-Krankenhaus

Bei einem Angriff US-amerikanischer Streitkräfte auf ein Spital der Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kunduz, kamen 22 Patienten und Mitarbeiter ums Leben. Eine unabhängige Aufklärung des Vorfalls wird gefordert.

Unentschuldbar sei das US-Bombardement des MSF-Krankenhauses in der afghanischen Stadt Kunduz im Nordosten des Landes laut UN-Hochkommissar Said Raad al-Hussein. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) verlor durch den Beschuss in der Nacht auf Samstag 3. Oktober mindestens zwölf ihrer Mitarbeiter, zehn Patienten kamen grausam ums Leben.

Die Mitarbeiter der einzigen medizinischen Einrichtung im Nordosten Afghanistans, deren Kapazitäten reichen, um schwerwiegende Kriegsverletzungen zu behandeln, informierten US-amerikanische und afghanische Verantwortliche bereits unmittelbar nach Beginn des Angriffes über die Tatsache, dass das Spital getroffen wird. Der Luftangriff dauerte jedoch noch mindestens eine halbe Stunde an. Insgesamt kamen dabei zumindest 22 Menschen - darunter drei Kinder - ums Leben, 37 Personen wurden teils schwer verletzt.

Das Videomaterial von BBC News zeigt das zerbombte Gebäude. Ein junger Patient - der gerade zum Operationssaal gebracht werden sollte, als die erste Bombe einschlug - erzählt über das schreckliche Erlebnis:

Luftangriff war US-Entscheidung

Nachdem sich die Darstellung des Vorfalls vonseiten der Vereinigten Staaten zum wiederholten Male änderte, gab der Kommandeur der US und NATO-Streitkräfte in Afghanistan, General John Campbell, vor dem Senatsausschuss bekannt, dass die "Entscheidung für den Luftangriff eine US-Entscheidung war". Die Bombardierung des MSF-Krankenhauses ist demnach nicht - wie zuvor angenommen - auf eine Bitte zur Einsatzunterstützung des afghanischen Militärs zurückzuführen, sondern auf einen Befehl der US-Sondereinsatzkräfte.

Einen Tag nach dem Eingeständnis über die Entscheidung des Luftangriffs, am 7. Oktober, kam auch die Entschuldigung von US-Präsident Barack Obama gegenüber der Leiterin von Ärzte ohne Grenzen, Joanna Liu. Auch mit dem afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani habe Präsident Obama ein Gespräch geführt.
 

Unklarheiten

Die Darstellung der Vereinigten Staaten änderte sich in den Tagen nach dem Vorfall wiederholt:
Das US-amerikanische Militär äußerte sich vorerst dahingehend, dass der Angriff auf das Krankenhaus als "Kollateralschaden" zu verstehen sei. US-Streitkräfte wären von der afghanischen Regierung um Unterstützung gebeten worden, da sich afghanische Soldaten als auch Zivilisten unter Beschuss der Taliban-Kämpfer befanden. Diese wiederum hätten das Spital als Schutzschild missbraucht. Die Aufklärung des "tragischen Vorfalls" sei in Arbeit, versprach Präsident Obama weiter und bekundete den Opfern sein Beileid.

Eine Sprecherin der Ärzte ohne Grenzen meinte dazu, dass die Tore des medizinischen Zentrums Nachts um zwei Uhr, als das Bombardement begann, geschlossen gewesen wären und sich aussschließlich Mitarbeiter, Patienten und Pfleger in dem Gebäude aufhielten:
 

Völkerrechtsverletzung

Für MSF-Präsidentin Meinie Nicolai, ist der Angriff auf das Krankenhaus eine schwerwiegende Verletzung des Humanitären Völkerrechts. Denn nicht nur waren die GPS-Koordinaten der MSF-Einrichtung in Kunduz allen Streitkräften bekannt, das Bombardement stoppte auch nach Kontaktaufnahme zu US-amerikanischen und afghanischen Verantwortlichen nicht. Laut Nicolai könne man weiters nicht akzeptieren, dass dieser Verlust von Menschenleben als Kollateralschaden abgetan wird.

Eine transparente Untersuchung des Angriffs durch eine unabhängige Organisation wird vom MSF-Generaldirektor Christopher Stokes gefordert. Unterdessen ruft Ärzte ohne Grenzen auch dazu auf, in sozialen Netzwerken ihre Aufforderung zu teilen und mit dem Hashtag #IndependentInvestigation zu versehen.

Konsequenzen

Besonders prekär sind die Konsequenzen nun für die Zivilbevölkerung in der Region Nordost-Afghanistans; nach dem Beschuss sei die Klinik "nicht mehr nutzbar", so Kate Stegeman, Sprecherin der Ärzte ohne Grenzen.

MSF-Mitarbeiter mussten sich aus dem seit 2011 bestehenden medizinischen Zentrum zurückziehen, Patienten wurden in andere Spitäler gebracht - wie etwa in das zwei Autostunden entfernte Krankenhaus in Puli Khumri oder in jenes in Kabul. Bislang ist nicht klar, "ob das Traumazentrum wiedereröffnet wird oder nicht" erklärt Stegeman weiter.

Auch Präsidentin der Ärzte ohne Grenzen Österreich, Margaretha Maleh, zeigt sich betroffen hinsichtlich der verheereden Konsequenzen für die Menschen in Kunduz: "Wir sind zutiefst schockiert über diesen Angriff und über den hohen Tribut, den der Angriff von den Menschen in Kundus fordert, denen jetzt die dringend benötigte medizinische Unterstützung fehlt. Wir verlangen eine umfassende und transparente Untersuchung durch eine unabhängige internationale Instanz."
07.10.2015