Unbekannte Krisen

Berichterstattung hilft, über die weltweiten humanitären Krisen informiert zu sein. Denken wir. In Wirklichkeit erreicht uns aber nur eine Auswahl. Der CARE-Bericht "Suffering In Silence" klärt auf.

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Krisen und Katastrophen werden durch die mediale Zuwendung bekannt. Ohne Berichterstattung leiden viele Menschen im Stillen weiter. © pixabay
Menschen hungern, werden von Krankheits-Epidemien bedroht oder durch Kriege vertrieben. Flutwellen und Erdbeben zerstören ganze Landteile, machen Felder unbrauchbar und zwingen die EinwohnerInnen weiterzuziehen. Nachrichten die uns tagtäglich über Radio, Zeitung, Fernsehen, soziale Medien erreichen. Man glaubt zu wissen, wer wo Hilfe benötigt. Glaubt. Denn die Realität, die durch mediale Kanäle aufgebaut wird, ist nur ein Auszug dessen, was auf der Welt wirklich vor sich geht. Eine Darstellungs-Lotterie. "Verlierer": jene Katastrophen, die durch fehlende mediale Zuwendung weniger Hilfsgelder eintreiben.

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Für Medien ist es sehr schwer, ja schier unmöglich, die Bandbreite der Krisen aller Länder zu kommunizieren. Viel zu umfangreich scheint die Anzahl der Katastrophen, die Menschenleben bedrohen. Die fehlende Finanzierung beziehungsweise das limitierte Budget in Redaktionen, der erschwerte Zugang zu Krisengebieten für JournalistInnen und auch das richtige Maß an Informationen, um LeserInnen nicht zu überfördern, sind einige der Gründe für die Selektion. Es muss eine Entscheidung gefällt werden, welche Krise anderen vorangestellt wird. Welches humanitäre Unglück "wichtiger" ist. Wer Hilfe bekommen soll.

"Die traurige Wahrheit ist, dass Katastrophen und Krisen weltweit das Leben von mehr als 132 Millionen Menschen gefährden. Ein Viertel von ihnen leidet abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit", sagt Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin von CARE Österreich. Mit dem von der Organisation zum dritten Mal veröffentlichten Bericht "Suffer in Silence", soll das mediale Schweigen gebrochen werden. Denn Leid existiert auch, wenn es in der medialen Realität nicht gezeigt wird. Die größte Problematik, welche durch das Fehlen von Berichterstattung entsteht, bildet die Unkenntnis der RezipientInnen und damit zusammenhängend auch das Fehlen von finanzieller Unterstützung aus der Bevölkerung.

Die Ausarbeitung hat auf Grundlage der Ergebnisse des internationalen Medienbeobachtungsdienstes "Meltwater" humanitäre Krisen aus dem Jahr 2018 im Zusammenhang mit medialer Berichterstattung verglichen. Die Untersuchung von deutschen, französischen und englischen Beiträgen ergab eine Liste von zehn Ländern beziehungsweise Krisen, die im Vergleich zu anderen kaum mediale Resonanz erreicht haben.
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In Haiti kämpft die Bevölkerung seit der Dürre Anfang 2018 mit einer Ernährungskrise. © pixabay

Die drei "Spitzenreiter"

HAITI
Obwohl die Hälfte der Bevölkerung Haitis von Hunger bedroht ist und 22 Prozent der Kinder unter Unterernährung leiden, erreichte der Karibikstaat am wenigsten mediale Aufmerksamkeit. Die Anfang 2018 vorherrschende Dürre versetzte weite Teile des Gebiets in eine Ernährungskrise, von welcher sich die Bevölkerung nur schwer erholt. Zusätzlich haben viele der EinwohnerInnen weder Zugang zu Elektrizität, Wasser oder Sanitäranlagen noch zu Gesundheitsversorgung. Die in den letzten Jahren immer wiederkehrenden wetterbedingten Katastrophen, wie Überschwemmungen und Erdbeben, erschweren die Lebensbedingungen der Region und begeben Haiti in die Abhängigkeit humanitärer Hilfe.

ÄTHIOPIEN
Den zweiten "Rang" belegt Äthiopien. Neben komplexen anderen Krisen kämpft der afrikanische Binnenstaat auch mit einer Ernährungskrise. Eine Vielzahl an Menschen ist einerseits von Ernährungsunsicherheit, andererseits auch von akutem Hunger bedroht. Rund acht Millionen Menschen im Süden des Landes sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, über neun Millionen benötigen Unterstützung in Bezug auf Bildung und Unterkünfte. Auch in diesem Land sind neben den von Menschen geschaffenen Auseinandersetzungen auch die regelmäßigen Wetterkatastrophen für die Hilfsbedürftigkeit ausschlaggebend. Dürren, der Verfall von Böden und Überschwemmungen machen es der Bevölkerung kaum möglich, ausreichend Ernteerträge zu erwirtschaften, um selbst ihre Lebensgrundlage zu sichern.

MADAGASKAR
Auch Madagaskar blieb vom veränderten Klima nicht verschont. Dürren haben die Maniok, Reis- und Maisfelder zerstört. Zwei Tropenstürme vertrieben 74.200 Menschen aus ihrer Heimat. Über eine Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. Masern und die Pest gefährden die Gesundheit des Landes. Neben den fatalen Bedingungen für die Ernte und Gesundheit, erreichten die Preise für Nahrungsmittel zudem neue Rekordhöhen und wurden für viele EinwohnerInnen nicht mehr leistbar. Fast die Hälfte der Kinder ist unterentwickelt, Mädchen und junge Frauen sind von Missbrauch, Gewalt und Ausbeutung bedroht.

Durch den Bericht von CARE soll vor allem die Notwendigkeit der Kommunikation für diese Krisengebiete unterstrichen werden. Nur die Veränderung der Berichterstattung könne gewährleisten, dass den Ländern und Gebieten in ihrer schweren Stunde geholfen wird. Denn Medien sind eines der stärksten Mittel, um Spenden von der Bevölkerung zu generieren.
AutorIn:
Monika Knasmillner
28.02.2019