Eine Korbflechterei für alle Sinne

Ob gehörlos, blind oder taubblind. Die Korbflechterei des ÖHTB in der Wiener Mollardgasse bietet Menschen mit hochgradigen Sinnesbeeinträchtigungen einen Arbeitsplatz.

© spendeninfo.at / Kamera: Thomas Kronberger & Monika Knasmillner, Editing: Monika Knasmillner
Noch bis in die 80er-Jahre war es für hochgradig hör- und sehbehinderte Personen eine größere Herausforderung, eine adäquate Arbeitsstelle zu finden, erinnert sich Hans Schütz als Leiter der ÖHTB-Werkstatt heute.

Mit der Gründung des ÖHTB, dem Österreichischen Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte, im Jahr 1981 sollte dieser Problemstellung dann Abhilfe geschaffen werden. Ziel war und ist es bis heute, Menschen mit einer Sinnesbehinderung wie einer Hör- und Sehbeeinträchtigung zu bekräftigen, ihnen eine fördernde Beschäftigung zu bieten, auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen.

Mit der ÖHTB-Werkstatt Mollardgasse entstand hierbei ein besonderes Erfolgskonzept: neben der Tagesstruktureinrichtung für hör- oder sehbeeinträchtigte Menschen, wird am selben Standort auch eine gewerbliche Korbflechterei betrieben. Je nach individuellen Fähigkeiten können Vor- und Zuarbeiten geleistet oder eigenständig Auftragswerke gefertigt und restauriert werden.
Eine junge Frau liest einer daneben sitzenden Frau mittels Lormen aus der Zeitung vor. Eine junge Frau liest einer daneben sitzenden Frau mittels Lormen aus der Zeitung vor. Eine junge Frau liest einer daneben sitzenden Frau mittels Lormen aus der Zeitung vor. Eine junge Frau liest einer daneben sitzenden Frau mittels Lormen aus der Zeitung vor. [1558527884756686.jpg]
Die Lorm-Sprache ist eine einzigartige Kommunikationsmöglichkeit für Menschen, die nicht hören und sehen können. © spendeninfo.at / Thomas Kronberger

Teilnahme am sozialen Geschehen

Neben der sinnvollen und fordenden Tätigkeit, ist aber freilich auch die soziale Teilhabe zentraler Bestandteil des ÖHTB-Angebots; denn nicht zuletzt geht mit einer Behinderung oft auch ein gesellschaftlicher Ausschluss einher. Der Werkstattleiter weiß, für Viele ist die Tätigkeit in der Korbflechterei ihr erster Job "und diese Menschen sind auch sehr stolz darauf, dass sie einen Arbeitsplatz haben".

Während wir uns mit Worten und Gesten klar und einfach ausdrücken können, müssen Menschen mit Hör- und Sehbeeinträchtigung auf alternative Verständigungsformen zurückgreifen. "Was auch wichtig ist hier in der Werkstatt, wir verwenden spezielle Kommunikationsformen: für die gehörlosen Menschen wird Gebärdensprache und für die taubblinden Menschen die Lorm-Sprache verwendet, damit diese Menschen auch hier in der Werkstatt mitarbeiten können und am sozialen Geschehen teilnehmen können", fasst Schütz eindrücklich zusammen. Der gelernte Tischlermeister leitet die Korbflechterei, die heuer ihr 30-jähriges Bestehen feiert, bereits seit ihrer Gründung.
Hans Schütz  Leiter der ÖHTB-Werkstatt MollardgasseHans Schütz  Leiter der ÖHTB-Werkstatt MollardgasseHans Schütz  Leiter der ÖHTB-Werkstatt MollardgasseHans Schütz  Leiter der ÖHTB-Werkstatt Mollardgasse[1558526705084872.jpg]
Seit rund 30 Jahren leitet Hans Schütz als gelernter Tischlermeister die ÖHTB Korbflechterei in der Wiener Mollardgasse. © spendeninfo.at / Thomas Kronberger

"Ein wunderschönes Handwerk"

Die Korbflechterei des ÖHTB habe nicht nur in Bezug auf ihre spezielle Ausstattung und bedürfnisgerechten Tätigkeitsfelder für seh- und hörbehinderte Menschen eine Monopolstellung. Der Lehrberuf der Korb- und Möbelflechterei konnte in Österreich zuletzt bis ins Jahr 2007 erlernt werden. Seither werden HandwerkerInnen mit einem entsprechenden Gesellenbrief weniger, kaum sind heute noch Fachbetriebe zu finden, die diese spezielle Dienstleistung anbieten. Die ÖHTB-Korbflechterei beschäftigt vier Personen mit fachgleichem Lehrabschluss, insgesamt sind 27 Menschen mit Seh- und/oder Hörbehinderung in der Korbflechterei tätig.

Eine Herausforderung sei es nun auch in Zukunft, mit handgefertigten Flechtereien gegen die mittlerweile weitverbreitete maschinelle Konkurrenz anzukommen. Die Flechtkunst sei nicht zuletzt "ein wunderschönes Handwerk, mit vielen Möglichkeiten, mit vielen verschiedenen Flechttechniken", ist Hans Schütz überzeugt. Um die Korbflechterei als integratives Arbeitsprojekt für Menschen mit Seh- und Hörbehinderung nach Möglichkeit noch mindestens weitere 30 Jahre betreiben zu können, hebt der Leiter abschließend hervor, freue man sich stets über Neukunden wie auch Spenden, die etwa einen weiteren Arbeitsplatz sichern könnten.

"Projekt des Monats" - Zahlen & Fakten

ÖHTB Korbflechterei
  • 1989 auf Initiative des ÖHTB - Österreichisches Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte in der Mollardgasse gegründet
  • In Tagesstruktur (ÖHTB Arbeiten) und gewerblichen Teil (Fachwerk) gegliedert:
    - Weiterbildung und Arbeitsplatz für Blinde, Gehörlöse und Taubblinde nach Schulausbildung
    - Gewerblicher Handwerksbetrieb mit Fokus auf Restauration von Flechtmöbeln und Korbwaren
  • Betrieblicher Teil (Fachwerk) seit 2012 in das ÖHTB eingegliedert
  • Heute 27 Frauen und Männer beschäftigt
  • Spendenbedarf, um technische Ausstattung sowie weitere Arbeitsplätze zu finanzieren:

ÖHTB (Spenden steuerlich absetzbar)
IBAN: AT73 2011 1000 0203 1000
Kennwort: Korbflechterei
AutorIn:
Lisa Hummel
01.06.2019