Der letzte treue Begleiter

"Ich kann den Hund nicht im Stich lassen", erklärt Helmut, "er hat mich auch nie im Stich gelassen." Die neunerhaus Tierärztliche Versorgung bietet den treuen Gefährten von obdach- und wohnungslosen Menschen kostenlose medizinische Behandlungen.

Projekt des Monats: neunerhaus Tierärztlichen Versorgung © spendeninfo.at / Kamera: Thomas Kronberger & Elisa Heißenberger, Editing: Elisa Heißenberger
Warum nehmen sie keine Hilfe an? Wieso übernachten sie nicht einfach in einer Notschlafstelle? Leben sie etwa aus freien Stücken auf der Straße?

Kommt das Thema Obdachlosigkeit auf, braucht es meist nicht lange, bis man auf gewisses Unverständnis stößt. Nicht, dass kein Mitgefühl vorliegen würde. Eher ist es die weitverbreitete Unklarheit über die Hintergründe und Motive der Menschen.

Dieses Unverständnis war es auch, das eine Gruppe BürgerInnen Ende der 90er Jahre dazu brachte, mit Obdachlosen rund um den Wiener Franz-Josefs-Bahnhof in Kontakt zu treten. "Sie haben die Menschen auf der Straße gefragt, warum sie nicht einen Wohnplatz aufsuchen, und sind draufgekommen, dass es für ganz viele ein Thema war, dass sie ihre Tiere nicht mitnehmen durften", erzählt Daniela Unterholzner, Geschäftsführerin von neunerhaus. Für viele obdach- und wohnungslose Menschen sei ihr Tier ihr "letzter treuer Begleiter", wie Unterholzner weiter ausführt, "wenn niemand mehr da ist, ist es ihr Hund, der ihnen noch zur Seite steht".
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Eva Wistrela-Lacek, Leiterin der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung, begann vor rund acht Jahren die Tiere obdachloser Menschen unentgeltlich zu behandeln. © spendeninfo.at / Thomas Kronberger

Menschgesundheit - Tiergesundheit

Das Ziel der BürgerInneninitiative, die sich zur Jahrtausendwende rund um den Althangrund formierte, war schließlich ein neuartiges Wohnprojekt. Es sollten Wohnplätze für obdachlose Menschen geschaffen werden, die weniger Einschränkungen für die BewohnerInnen mit sich brachten; PartnerIn und Haustier sollten willkommen sein, Alkohol erlaubt. 2001 eröffnete dann das erste "Neunerhaus" in Wien-Landstraße.

Die kleine Initiative, die anfangs 65 Menschen einen Wohnplatz verschaffte, entwickelte sich zu einer Sozialorganisation mit rund 200 haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Die Angebote von neunerhaus reichen heute von Sozialberatung über medizinische bis hin zu tierärztlicher Versorgung. Knapp 5.000 Menschen im Jahr profitieren davon – Zielgruppe sind obdachlose aber auch wohnungslose und armutsgefährdete Menschen, sowie deren Haustiere.

Weil Obdachlose oft auch keine Möglichkeit hatten, ihre Tiere medizinisch versorgen zu lassen, begann die Tierärztin Eva Wistrela-Lacek in zwei Sozialeinrichtungen, Haustiere unentgeltlich zu behandeln. 2010 startete dann die Kooperation mit neunerhaus: ganz nach dem Motto "Menschgesundheit - Tiergesundheit" ist die Tierärztliche Versorgung seither essentieller Bestandteil der Vereinsarbeit.
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Seit acht Jahren sind Helmut und Jessy unzertrennlich. Nachdem die Hündin an einem Kreuzbandriss litt, ermöglichte ihr neunerhaus die notwendige Operation. © spendeninfo.at / Elisa Heißenberger

Ein Pakt fürs Leben

Ein Zahnarzttermin im neunerhaus Gesundheitszentrum brachte so auch Helmut und seine Hündin Jessy vor zwei Jahren zum so dringend notwendigen Besuch beim hauseigenen Tierarzt. "Ich hab' den Hund getragen, weil sie fast nicht mehr gehen konnte", erinnert sich Helmut an diese schwierige Zeit, "ich wusste halt nicht, was ich machen kann, ich hatte kein Geld und hatte selbst mit mir zu kämpfen."

Schon bald stand die Diagnose fest: Jessy litt an einem Kreuzbandriss, eine Operation war unumgänglich. Umgehend organisierte neunerhaus einen OP-Termin an der Wiener VetMed, deren Kosten der Verein zur Gänze übernahm. Helmut ist auch heute noch sichtlich dankbar dafür; immer wieder erwähnt er die hohen Kosten für die Behandlung, die er nie hätte tragen können. In einem Schnellhefter hat er die Rechnungen gesammelt, die er uns gemeinsam mit den Welpen-Fotos seiner Hündin zeigt.

Es sei ein "Pakt fürs Leben", den Helmut und seine Hündin vor acht Jahren schlossen. Seither sind er und Jessy unzertrennlich, sind in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da. Es habe Momente gegeben, in denen er schon aufgeben wollte, durch den Hund aber habe er eine gewisse Verantwortung zu tragen. Für Helmut sei deshalb ganz klar: "Ich kann den Hund nicht im Stich lassen, er hat mich auch nie im Stich gelassen."

Zahlen & Fakten

neunerhaus - Hilfe für obdachlose Menschen
  • 1999 Gründung des Vereins durch BürgerInnen des 9. Bezirks in Wien
  • Neuartiges Wohnprojekt für obdachlose Menschen (PartnerIn, Haustier und Alkohol erlaubt)
  • 2001 Eröffnung erstes neunerhaus Wohnhaus in Wien-Landstraße
  • 2017 571 Betreute durch 3 Wohnhäuser, Housing First und soziale Arbeit sowie über 130 Wohnungen, 4.418 Menschen im Gesundheitszentrum versorgt
  • Finanzierung durch FSW, WGKK, Kooperationen, Mieten und Spenden:
    neunerhaus (Spenden steuerlich absetzbar)
    AT25 3200 0000 0592 9922


neunerhaus Tierärztliche Versorgung
  • 2010 Gründung tierärztlicher Versorgungsstelle in Kooperation mit Österreichischer Tierärztekammer
  • Kostenlose Behandlung für Haustiere obdachloser, wohnungsloser und armutsgefährdeter Menschen (Überweisung durch Betreuungseinrichtung)
  • 36 ehrenamtliche TierärztInnen, zahlreiche HelferInnen
  • Finanzierung durch Spenden:
    neunerhaus Tierärztliche Versorgung (Spenden steuerlich absetzbar)
    AT72 3200 0000 1147 2529
AutorIn:
Lisa Hummel
01.08.2018