In Mödling angekommen

Die Freiwilligeninitiative Connect Mödling wurde im Herbst 2015 gegründet. Was mit einer Handvoll Deutschkursen begann, umfasst heute ein vielseitiges Angebot an Integrationsprojekten für und mit Menschen mit Fluchthintergrund, die nach einer langen Reise nun in Mödling ein neues Zuhause gefunden haben.

Frauencafé im evangelischen Gemeindehaus Mödling © spendeninfo.at / Kamera: Benjamin Hofmann & Thomas Kronberger, Editing: Hannah Hauptmann
Die Berichterstattung über kenternde Flüchtlingsboote im Mittelmeer ist über die Wintermonate ruhiger geworden. Doch pünktlich zum Frühlingsbeginn wurden in nur wenigen Tagen über 6.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) am 21. März berichtete. Die Anzahl der über das Mittelmeer geflüchteten Menschen sei dabei für den Beginn des Jahres erschreckend hoch, warnt Joel Millman, Sprecher der IOM. 20.000 Menschen seien seit Jahresbeginn über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet, 500 Frauen, Männer und Kinder in den letzten Wochen auf dieser Route ums Leben gekommen – mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres.

Unterdessen entfacht in Österreich eine Debatte über den "Pull-Faktor" privater Rettungsorganisationen im Mittelmeer (den eine aktuelle Studie der Universität Oxford de facto widerlegt), aber auch über den Ansturm privater Spenden im Herbst 2015 für "angeblich unterversorgte Flüchtlinge". Dabei hätte es keine Versorgungsprobleme gegeben, wie der ehemalige Lagerleiter in Traiskirchen, Franz Schabhüttl, in seinem Buch "Brennpunkt Traiskirchen" jetzt aufzudecken versucht.

Doch die Situation an den Bahnhöfen, Grenzübergängen und auch die Lage in Traiskirchen zeigten ein klares Bild: "Jeder, der die Bilder von obdachlosen Menschen in der Erstaufnahmestelle Traiskirchen gesehen hat, weiß: Hier herrschte dringender Handlungsbedarf", wie Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, klarstellt.

Connect Mödling: "hier und jetzt aktiv werden"

Als Reaktion auf diese offensichtliche Notlage, zögerten tausende engagierte Österreicherinnen und Österreicher nicht lange und ergriffen selbst Initiative. Ziel war es, die Menschen nach ihrer Ankunft willkommen zu heißen, ihnen bei der Orientierung zu helfen, aber auch die notwendigsten Güter zur Verfügung zu stellen: Essen und Kleidung wurden verteilt, Wohnraum bereitgestellt.

Eine dieser Privatinitiativen startete im Herbst 2015 unter dem Namen Flüchtlingsnetzwerk Connect Mödling. Die Mödlingerin Anna Teichgräber hatte "genug von den schrecklichen Nachrichten über die unhaltbaren Zustände mit Diskussionen wer, was, wo ändern müsste…", sie wollte "hier und jetzt aktiv werden und unmittelbar helfen" und bat ihren Mann um das Entwerfen einer Website, um Hilfe für die ankommenden Menschen zu organisieren.

Was mit Deutschkursen begann, umfasst heute, rund anderthalb Jahre nach der Gründung, ein großes Angebot zur Integration der neu zugezogenen MödlingerInnen. In sechs Bereichen bieten rund 80 Ehrenamtliche via Connect Mödling Unterstützung: Wohnen, UMF (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge), Bildung & Sprache, Freizeit & Treffpunkt, Organisation. Der Bereich Familie bietet intensive Familienbetreuung durch Buddies, Freizeitaktivitäten und ein wöchentliches Frauencafé, welches wir im Rahmen des spendeninfo.at-Projekts des Monats besucht haben.
Vereinsobfrau Veronika Haschka (links) und Frederike Demattio  Leiterin der Gruppe Bildung   Sprache  beim Interview mit spendeninfo.at.Vereinsobfrau Veronika Haschka (links) und Frederike Demattio  Leiterin der Gruppe Bildung   Sprache  beim Interview mit spendeninfo.at.Vereinsobfrau Veronika Haschka (links) und Frederike Demattio  Leiterin der Gruppe Bildung   Sprache  beim Interview mit spendeninfo.at.Vereinsobfrau Veronika Haschka (links) und Frederike Demattio  Leiterin der Gruppe Bildung   Sprache  beim Interview mit spendeninfo.at.[1490790937387650.jpg]
Vereinsobfrau Veronika Haschka (links) und Frederike Demattio, Leiterin der Gruppe Bildung & Sprache, beim Interview mit spendeninfo.at. © spendeninfo.at / Benjamin Hofmann

"Damit sie nicht auf der Straße stehen"

Seit Herbst 2015 konnte durch den unermüdlichen Einsatz der Ehrenamtlichen von Connect Mödling so einiges erreicht werden. Über 100 Menschen mit Fluchthintergrund konnten durch die Deutschkurse des Vereins ein ÖSD-Zertifikat (Österreichisches Sprachdiplom Deutsch) erlangen. Zwölf Jugendliche wurden erfolgreich auf die Fachschule vorbereitet und besuchen seit September 2016 die HTL in Mödling. Aktuell nehmen wieder 22 Jugendliche am eigens entwickelten Übergangslehrgang teil, der sie auf die Aufnahmeprüfung des kommenden Schuljahres vorbereitet.

Ein großes Anliegen des Vereins ist die Integration von Jugendlichen und unbegleiteten Minderjährigen, die im Raum Mödling rund 80% der Flüchtlinge ausmachen, wie Frederike Demattio, Leiterin der Gruppe Bildung & Sprache, betont. Man sorge dafür, "dass die Jugendlichen nicht auf der Straße stehen, dass sie nicht auf dumme Gedanken kommen", wie die Vereinsobfrau, Veronika Haschka, bei unserem Besuch bei Connect Mödling ergänzt.

Zahlen & Fakten zum Verein

  • Im Sommer 2015 initiiert Anna Teichgräber mit ihrem Mann das Flüchtlingsnetzwerk Connect Mödling
  • Im Herbst 2015 werden innerhalb eines Monats sechs Deutschkurse auf die Beine gestellt, im ersten Jahr finden über 70 freiwillige Deutschkurse statt
  • Im November 2015 erfolgt die Vereinsgründung
  • Im Herbst 2016 übernimmt Veronika Haschka den Vereinsvorsitz, Initiatorin Anna Teichgräber ist Leiterin der Gruppe Organisation
  • Connect Mödling betreut derzeit 150 bis 180 Geflüchtete, die in Mödling und Umgebung leben
  • Neben freiwilliger Mitarbeit sind auch Spenden an den Verein stets willkommen (etwa für Fahrscheine, Unterrichtsmaterialien oder gemeinsame Freizeitaktivitäten) und können durch Angabe einer der Gruppen auch zweckgewidmet werden:
    Spendenkonto: Connect Mödling
    IBAN: AT47 2011 1286 4627 5707
AutorIn:
Lisa Hummel
03.04.2017