Die Kinder von "Little Prince"

Freundschaft und Menschlichkeit sind die zentralen Werte, die in Antoine de Saint-Exupérys Erzählung "Der kleine Prinz" vermittelt werden. Es ist also kaum verwunderlich, dass die Caritas Armenia ihre Sozialzentren für Kinder nach der weltberühmten Geschichte benannt hat. In Wanadsor lernen Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen einen rücksichtsvollen Umgang und werden auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet.

Etwa 120 Kilometer trennen Jerewan von Wanadsor im Norden Armeniens. Über zwei Stunden benötigt der volle Minibus für die Strecke, bergauf überschreitet die Tachonadel kaum die 70km/h-Markierung. Die Hauptstadt der Provinz Lori und drittgrößte Stadt des Landes liegt auf 1.350 Meter Seehöhe in einem schmalen Tal, das einst ein beliebter Standort der Chemie- und Textilindustrie war. Doch Arbeit gibt es in den riesigen Fabriken kaum noch. Seit Armenien 1991 seine Unabhängigkeit erlangte und sich der Niedergang der Industrie abzuzeichnen begann, verließen jährlich Tausende Menschen das Land. So zählt Wanadsor heute etwa 80.000 EinwohnerInnen, während es Ende der 1970er knapp 150.000 gewesen sein dürften.

Das Problem der Abwanderung kennt man im städtischen "Little Prince"-Zentrum der Caritas Armenia nur zu gut. Hier werden jährlich über einhundert Kinder und Jugendliche betreut, von denen etwa neunzig Prozent als Halb- oder Vollwaisen aufwachsen, erzählt die Psychologin Tatev Grigoryan. Die Mütter bleiben mit den Kindern zurück, während die Väter in Russland oder Europa nach Arbeit suchen. Wenn beide Elternteile im Ausland Geld verdienen, um die Familie versorgen zu können, sorgen sich häufig die Großeltern um den Nachwuchs.

Soft Skills und berufsbildende Workshops – ein Erfolgskonzept

In Armut und unter sozialen Missständen wachsen in Wanadsor viele auf. Um einigen der Kinder und Jugendlichen eine Alternative bieten zu können, hat die Caritas Armenia im Jahr 2006 das "Little Prince"-Zentrum eröffnet (den Namen erhielt es allerdings erst 2011). Ab dem Alter von zehn Jahren dürfen Mädchen und Buben jeden Nachmittag ins Zentrum kommen, wo sie viel mehr als eine warme Mahlzeit und Lernhilfe erhalten:

"Unser Ziel ist es, den Kindern in Gruppen die notwendigen beruflichen Kompetenzen zu vermitteln, die sie in der Schule anwenden können und die ihnen später dazu verhelfen werden, ihren Alltag zu meistern … Kommunikative Fähigkeiten, Kontaktfreudigkeit – das geht über das Arbeitsleben hinaus."
Anna Zalinyan, Sozialarbeiterin im "Little Prince"-Zentrum


Die Älteren besuchen zudem berufsbildende Workshops, ähnlich einer Lehre, die von einer lokalen NGO angeboten werden. Die Schwerpunkte sind vielseitig, neben "klassischen" Lehrberufen wie Mechanik, Maler und Anstreicher, Koch, Friseur und Kosmetik, können die Jugendlichen auch Kurse zu Design, IT und Programmieren sowie zu Gesundheitsvorsorge besuchen. Damit soll ihnen der spätere Einstieg ins Berufsleben erleichtert werden.

Von verängstigten Kindern zu selbstbewussten SchulabsolventInnen

An diesem sonnigen Nachmittag Ende September sind rund 75 Kinder im Zentrum. Die 18-jährige Satenik gehört schon zu den Ältesten, seit vier Jahren kommt sie hierher. Nach dem Schulabschluss möchte sie sich als Friseurin das Wirtschaftsstudium finanzieren. Manana erzählt von ähnlichen Zukunftsplänen, aber sie ist mit ihren 15 Jahren auch froh, noch drei Jahre im Zentrum bleiben zu können, ehe sie auf eigenen Beinen stehen wird. Durch die umfangreiche Betreuung wird das Selbstvertrauen der Kinder und Jugendlichen gestärkt. Voller Zuversicht wollen sie die prekären Lebensumstände, in denen sie aufgewachsen sind, hinter sich lassen. Viele werden wohl auch die ersten in ihren Familien sein, die einen Schulabschluss und sogar ein Hochschulstudium anstreben.

In Armenien gibt es insgesamt vier "Little Prince"-Zentren. Die Betreuungsplätze der Einrichtung sind begehrt, weshalb nur jene Kinder aufgenommen werden können, die einen besonderen Bedarf an intensiver sozialer und psychologischer Unterstützung haben. Die Anträge werden meist von städtischen SozialarbeiterInnen oder Verwandten gestellt und von den MitarbeiterInnen des Zentrums geprüft. Sie hätten es mit ganz verschiedenen Arten von Problemen zu tun, erklärt Tatev Grigoryan:

"Mit Ängsten, Aggressionsproblemen und Kommunikationsschwierigkeiten. Die Kinder sind eingeschüchtert und haben Berührungsängste."
Tatev Grigoryan, Psychologin im "Little Prince"-Zentrum


Das kleine Beratungszimmer der Psychologin steht den Kindern jeden Tag offen, bei Bedarf werden auch die Angehörigen mitbetreut. Darüber hinaus bietet Grigoryan einen neunmonatigen Kurs für Alleinerziehende an und einen weiteren für Mütter, deren Kinder starke Ängste haben und daher auf spezielle Beratung angewiesen sind.
v.l.n.r.: Sozialarbeiterin Anna Zalinyan  Freiwillige Eleonora Matevosyan und Edgar Nikoghosyan  Köchin  Psychologin Tatev Grigoryan  Sozialarbeiterin Gohar Tomoyan und Dolmetscherin Tatevik Sarosyan © spendeninfo.at / Hannah Hauptmannv.l.n.r.: Sozialarbeiterin Anna Zalinyan  Freiwillige Eleonora Matevosyan und Edgar Nikoghosyan  Köchin  Psychologin Tatev Grigoryan  Sozialarbeiterin Gohar Tomoyan und Dolmetscherin Tatevik Sarosyan © spendeninfo.at / Hannah Hauptmannv.l.n.r.: Sozialarbeiterin Anna Zalinyan  Freiwillige Eleonora Matevosyan und Edgar Nikoghosyan  Köchin  Psychologin Tatev Grigoryan  Sozialarbeiterin Gohar Tomoyan und Dolmetscherin Tatevik Sarosyan © spendeninfo.at / Hannah Hauptmannv.l.n.r.: Sozialarbeiterin Anna Zalinyan  Freiwillige Eleonora Matevosyan und Edgar Nikoghosyan  Köchin  Psychologin Tatev Grigoryan  Sozialarbeiterin Gohar Tomoyan und Dolmetscherin Tatevik Sarosyan © spendeninfo.at / Hannah Hauptmann[1478528479727441.jpg]
v.l.n.r.: Sozialarbeiterin Anna Zalinyan, Freiwillige Eleonora Matevosyan und Edgar Nikoghosyan, Köchin, Psychologin Tatev Grigoryan, Sozialarbeiterin Gohar Tomoyan und Dolmetscherin Tatevik Sarosyan © spendeninfo.at / Hannah Hauptmann

Mit einem neuen Programm in die Zukunft

Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die Kinder und BetreuerInnen tagtäglich zu kämpfen haben, ist die Atmosphäre im "Little Prince"-Zentrum ausgesprochen "warm und familiär", wie es die 18-jährige Satenik trefflich beschreibt. Damit das so bleibt, ist die Einrichtung auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Die Zentren in Wanadsor und Gawar verfügen gemeinsam über ein Zwei-Jahres-Budget von 260.000 Euro.

Der derzeitige Vertrag mit den Partnern läuft noch diesen Dezember aus, die Caritas Diözese Innsbruck hat aber bereits die Fortführung der Partnerschaft zugesichert. Gemeinsam mit dem Land Tirol unterstützte sie in den Jahren 2015 und 2016 das Zentrum mit einer Summe von je 72.000 Euro, erklärt Elisabeth Haun, die Caritas-Projektreferentin für Armenien und Kosovo. Narine Ghazaryan, die erfahrene Koordinatorin des "Little Prince"-Zentrums in Wanadsor, arbeitet bereits eifrig an einem neuen Projektplan für die kommenden zwei Jahre. So sollen weitere Aktivitäten für die Kinder sowie veränderte pädagogische und didaktische Methoden ins Programm aufgenommen werden.
08.11.2016