Augustin: Raum einnehmen, sichtbar werden

Seit über 20 Jahren verhilft die Wiener Straßenzeitung "Augustin" armutsbetroffenen Menschen nicht nur zu einem Einkommen. Der Zeitungsverkauf bietet auch die Möglichkeit, öffentlichen Raum einzunehmen, sichtbar zu werden und sich ein Netzwerk aufzubauen.

Projekt des Monats: Augustin © spendeninfo.at / Kamera: Elisa Heißenberger & Thomas Kronberger, Editing: Elisa Heißenberger
"Was sie alle eint ist, dass sie kaum einen Zugang zum Arbeitsmarkt haben und deshalb auf ein niederschwelliges Erwerbseinkommen angewiesen sind", erklärt Eva Rohrmoser. "Und dass sie eine Form von Armutserfahrung haben."

Die Persönlichkeiten, die den Augustin verkaufen, geben dabei ein diverses Bild ab, wie die langjährige Vereinsmitarbeiterin auch weiß. Schon lange sind es nicht mehr ausschließlich wohnungslose Menschen. Es sind Personen "mit einem geringen Einkommen, PensionistInnen, Junge, Alte, Frauen, Männer", fasst Rohrmoser zusammen. Bereits seit 2002 ist die Sozialarbeiterin für den Verein tätig; angefangen beim Vertriebsbüro bis hin zur Aboverwaltung und als selbstbezeichnetes "Mädchen für alles" hat sie dabei schon so manche Funktion für den Verein übernommen.
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Rund 450 VerkäuferInnen in ganz Wien vertreiben den "Augustin" – so auch Forbi Unams am Kardinal-Nagl-Platz. © spendeninfo.at / Thomas Kronberger

Die erste österreichische Boulevardzeitung

Als Österreichs erste Boulevardzeitung, wie sich der Augustin selbst bezeichnet, verhilft der Verein benachteiligten Menschen seit über 20 Jahren zu einem (zusätzlichen) Einkommen. Die Zeitung bietet einerseits eine finanzielle Entlastung, andererseits ermöglicht sie aber auch gesellschaftliche Teilhabe und gibt den Menschen eine Stimme, um ihre Geschichte zu erzählen.

In Wahrheit endet die Vereinsarbeit aber auch hier noch lange nicht. Neben der renommierten Wiener Straßenzeitung gibt es eine eigene Radio- und TV-Sendung, eine Theatergruppe, einen Chor und einige weitere Freizeitangebote. Die seit Jahren erfolgreichen Projekte – der "Stimmgewitter"-Chor hat bereits Tournee-Erfahrung – würden dabei vor allem auch das Selbstbewusstsein der TeilnehmerInnen stärken. "Es ist so schön zu sehen, wenn eher ruhigere VerkäuferInnen dann plötzlich ganz anders Raum einnehmen, nämlich auch auf der Straße und sich selbst ganz anders Gewahr werden", verrät Eva Rohrmoser über den vielseitigen Nutzen dieser Angebote.

Ein oft unbekannter Benefit des Zeitungsverkaufs: der legitimierte Aufenthalt im öffentlichen Raum. Dabei kommen die VerkäuferInnen in Kontakt mit ihren KundInnen, können Netzwerke aufbauen, über die sie nicht selten auch Arbeit finden. So erinnert sich die charismatische Sozialarbeiterin an einen ehemaligen Verkäufer, der anfänglich bettelte, später über den Augustin-Verkauf auch in die Theatergruppe kam. "Und dann ist er einfach so sichtbar geworden, so dass er inzwischen als Kellner in einem Kaffeehaus arbeitet und das ist einfach echt schön zu sehen, wie das funktionieren kann".
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"Buchhaltung, Aboverwaltung, Mädchen für alles, Hausmeisterin", im Gespräch zählt Eva Rohrmoser, seit 2002 für den Augustin tätig, ihre zahlreichen Tätigkeiten auf. © spendeninfo.at / Thomas Kronberger

"Dass das Werkl rennt"

Zugang zu einem sogenannten "Augustin-Ausweis", also der offiziellen Berechtigung zum Verkauf der Zeitung, habe grundsätzlich jede armutsbetroffene Person – die Selbstbezeichnung "ich komm' mit dem, was ich hab', nicht aus" genüge. Diese Niederschwelligkeit sei entsprechend wichtig für das Projekt, führt Eva Rohrmoser weiter aus. In der Vergangenheit habe man aber auch gemerkt, Abstriche machen zu müssen, da die Stadt mehr als 450 bis 500 VerkäuferInnen einfach nicht vertrage. Seit einigen Jahren würden dafür regelmäßig Aufnahmestopps eingeführt – die "für die Sozialarbeit vermutlich schwierigste Situation", wie die Mitarbeiterin zugibt.

Für die Verkäuferinnen und Verkäufer des alle zwei Wochen erscheinenden Augustin springen pro verkaufter Zeitung € 1,25 heraus. Weitere € 1,25 gehen direkt an den Verein und ermöglichen somit, "dass das Werkl rennt". Ein wirklich faires System, wie Rohrmoser findet, das jedoch mit einer seit 2007 kontinuierlich rückläufigen Auflage zu bröckeln begann.

Einer der zahlreichen Gründe für diese abnehmenden Verkaufszahlen sei wohl auch eine Angewohnheit vieler. "Schwierig ist es immer, den VerkäuferInnen nur ein Trinkgeld zu geben", erklärt Eva Rohrmoser. Dies werte die VerkäuferInnen gewissermaßen ab, die schließlich ihr Produkt verkaufen wollen. Und vor allem: "dann fließt das Geld nicht zurück." Infolge könne das Projekt seit 2011 nicht mehr ausschließlich durch den Verkauf der Zeitung finanziert werden. Rund 30% kämen seither durch Werbeannoncen, die Augustin-LiebhaberInnen und kleinere Spenden zustande.

Helfen würde dabei etwa, wenn statt einem Prozent der WienerInnen, zwei Prozent den Augustin kaufen. Im Grunde genommen, betont Eva Rohrmoser abschließend, wolle man aber nicht viel: "Wir wollen die Zeitung verkaufen, die wir machen. Dann haben nämlich die Verkäuferinnen was davon und wir."  

Zahlen & Fakten

Augustin (Verein "Sand und Zeit, Herausgabe und Vertrieb der Straßenzeitung Augustin")
  • 1995 in Wien gegründet, um Benachteiligten bei ihrem Ausbruch aus der Entmündigung zu helfen (am Beispiel von Straßenzeitungen in den USA, GB und Frankreich)
  • Heute als Symbol für die gesellschaftliche Integration obdachloser Menschen
  • Rund 450 VerkäuferInnen vertreiben eine Auflage von rund 22.000 Exemplaren
  • Vom Preis (€ 2,50) geht eine Hälfte an VerkäuferInnen, die andere Hälfte an das Projekt
  • Auch Radio- und TV-Sendung (via Radio Orange und Okto), ebenfalls zur aktiven Mitgestaltung
  • Weitere Projekte: Chor, Theater, Tischtennis, Fußball, Schreibwerkstatt, Strawanzerei-Guide, Rechtsberatung und Deutschkurse
  • Frei von öffentlichen Subventionen und Förderungen
  • Finanzierung durch Zeitungsverkauf/-annoncen (70%), private FörderInnen und Spenden (30%):

Augustin (Spenden nicht steuerlich absetzbar)
IBAN: AT97 1400 0050 1066 6211
AutorIn:
Lisa Hummel
01.11.2018