Zwischen Selbstverwaltung und Assimilation

Weltweit leben in 90 Ländern rund 5.000 indigene Gemeinschaften, welche in 7.000 verschiedenen Sprachen und Dialekten kommunizieren. Der heutige Internationale Tag der indigenen Völker feiert Indigene aber nicht bloß aufgrund ihrer kulturellen Bedeutsamkeit, die Vereinten Nationen möchten damit auch auf Missstände aufmerksam machen, die nach wie vor bestehen.

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Amazigh (Berber) werden weithin als die indigene Bevölkerung Nordafrikas bezeichnet. Sie dürften bis zu 70 Prozent der heutigen marrokanischen Bevölkerung ausmachen. © Hannah Hauptmann
Ob Eingeborene, Natur- oder Urvölker – diese Bezeichnungen beschwören klischeehafte, romantisierende Bilder von Menschen herauf, welche ohne jeglichen Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung eine präkoloniale, rückständige Lebensweise pflegen und spärlich bekleidet mystische Rituale praktizieren. Rasch werden Vergleiche zu heutigen Industriegesellschaften gezogen, die in unzulässigen Gegensatzpaaren wie Kultur versus Natur gipfeln.

Dass diese Vorstellungen nicht der Realität entsprechen, sollte mittlerweile allen bewusst sein. Doch wie unterscheiden sich Indigene, wie autochthone Völker und Gemeinschaften allgemein bezeichnet werden, von anderen Minderheiten und weshalb finden Sie häufig in Zusammenhang mit Menschenrechten, aber auch Naturschutz Erwähnung? Am Internationalen Tag der indigenen Völker, der seit 1994 jährlich am 9. August begangen wird, richten die Vereinten Nationen ihre Aufmerksamkeit auf die heutigen Lebensumstände indigener Menschen.

Weltweit Maßnahmen setzen: eine Deklaration wird 10

Mit der Gründung der "UN-Arbeitsgruppe über Indigene Bevölkerungen" 1982 kam es verstärkt zu Bemühungen, die strukturelle Diskriminierung indigener Gruppen aufzuzeigen und zu bekämpfen. So arbeitet die australische Gesellschaft bis heute die begangenen Verbrechen gegen die "gestohlene Generation" auf; bis 1969 entriss der Staat indigenen Familien hunderttausende Kinder, die eine/n Aborigine und eine/n Weiße/n als Eltern hatten, um sie zu Weißen umerziehen zu lassen.

Eine gemeinsame Erklärung der UN-Mitgliedsstaaten zum Schutz der Rechte indigener Bevölkerungen folgte erst im neuen Jahrtausend: Im September 2007 verabschiedeten 144 Länder die "Deklaration über die Rechte Indigener Völker", welche allen indigenen Gemeinschaften weltweit dieselben politischen und menschenrechtlichen Ansprüche einräumt. Australien, Neuseeland, Kanada und die USA bekannten sich erst später zu den Inhalten, andere Staaten enthalten sich bis heute.

Auf die UN-Menschenrechtskonvention aufbauend besagt die 46 Artikel lange Deklaration unter anderem, dass indigene Verbände ein Recht auf Selbstbestimmung haben: Sie sollen in Selbstverwaltung eigene ökonomische, soziale und kulturelle Modelle praktizieren, aber ebenso freiwillig als Teil der Mehrheitsgesellschaft leben können. Die Erklärung bildet den Rahmen für internationale Standards, welche die spezifische Situation indigener Gruppen berücksichtigen und deren Fortbestand, Würde und Wohlergehen sicherstellen.

Anders als andere ethnische Minderheiten erheben Indigene häufig Anspruch auf Territorien, die auf ihren früheren Siedlungsgebieten liegen und welche sie autonom verwalten (möchten). So setzen sich Gemeinschaften, wie die Awajun im peruanischen Amazonasgebiet, einerseits für den Erhalt ihres eigenen Lebensraumes ein, andererseits geht es dabei auch um das Verhindern von Raubbau, der dort im großen Stil begangen wird.
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Über 1.000 indigene Gemeinschaften leben in Lateinamerika. In Bolivien machen sie über 62 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, im benachbarten Paraguay hingegen nur 1,8 Prozent. © Economic Commission for Latin America and the Caribbean (ECLAC)

Stopp der Ausgrenzung und Ausbeutung bis 2030?

Die Deklaration überlässt es ethnischen Gruppen und Gesellschaften selbst, ob sie sich als indigen identifizieren möchten oder nicht. Weltweit dürfte es 350 bis 370 Millionen indigene Menschen geben, doch obwohl dies nur einem Anteil von rund fünf Prozent an der Weltbevölkerung entspricht, machen sie 15 Prozent der ärmsten Menschen aus.

Das zeigt, dass Indigene, trotz formaler Anerkennung ihrer Rechte, weiterhin unter Ausgrenzung und Ausbeutung leiden müssen. Während Australien und Neuseeland zum Schutz indigener Lebensweisen eine Verfassungsänderung vorbereiten, erkennt Kenia nicht alle im Land lebenden und sich selbst als indigen definierenden Gemeinschaften als solche an.

Die UNO strebt nach einer raschen, lückenlosen Umsetzung der Erklärung von 2007, weshalb Indigene an sechs Stellen der "Agenda 2030", den "Zielen für nachhaltige Entwicklung" der Vereinten Nationen, explizit hervorgehoben werden: gleiche Bildungschancen, Mitbestimmung und Empowerment, der Kampf gegen Hunger und Armut haben oberste Priorität.

Das wissen auch NGOs, die mit ihren Projekten helfen, die Lebensumstände vieler indigener Gemeinschaften zu verbessern. spendeninfo.at stellt Programme in Lateinamerika und Asien vor, die beispielsweise nachhaltige, landwirtschaftliche Kooperativen fördern, die Position der Frauen stärken oder einen Rechtsbeistand bei Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung ermöglichen.
AutorIn:
Hannah Hauptmann
09.08.2017