Ein (Alb)Traum in Weiß

Vor dem 18. Geburtstag verheiratet werden, gezwungen, ungewollt - ein Zustand, der auf rund 760 Millionen Kinder weltweit zutrifft.

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Der Traum vom weißen Hochzeitskleid verwandelt sich für zu jung und unfreiwillig verheiratete Mädchen schnell zum Albtraum. © Jerry Wang / Unsplash
Es ist soweit. Der große Tag ist gekommen, die Heiratszeremonie beginnt. Nach detaillierter Planung und der Suche nach dem passenden Brautkleid schreitet die Braut langsam zum Altar. Der Schleier umhüllt ihr Gesicht. Die Tränen darunter für niemanden sichtbar. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Dieser Tag wird ihr ewig in Erinnerung bleiben. Vor drei Monaten ist sie 15 Jahre alt geworden, in wenigen Minuten ist sie verheiratet. Mit einem viele Jahre älteren, fremden Mann.

Was folgt, gleicht einer sehr altmodisch definierten Ehe. Die Kindsbräute nehmen ein untergeordnetes Rollenbild in der Partnerschaft ein, sind für den Haushalt zuständig und für die Erhaltung des Familienstammbaums. Viele der betroffenen Mädchen müssen die Schule abbrechen, um ihren ehelichen Pflichten nachgehen zu können. Oft werden sie zudem viel zu früh schwanger. Die Kindheit endet abrupt, gezwungen, ungewollt.

Mädchen als auch Buben betroffen

Was für viele Eltern hierzulande unvorstellbar scheint, ist den Schätzungen von UNICEF zufolge für etwa 650 Millionen Mädchen und 115 Millionen Buben harte Realität. Die Kinderehe, definiert als formelle Ehe oder informelle Vereinigung zweier Menschen, bei denen ein Partner unter 18 Jahren ist, beschreibt ein globales Problem. Wie die Statistiken zeigen sind Mädchen aufgrund traditioneller und kultureller Verankerungen überproportional betroffen. Schätzungsweise 12 Millionen Mädchen werden jährlich vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Obwohl in den letzten Jahren beispielsweise in Südasien die Zahl der Kinderehen von 50 auf 30 Prozent schon stark gesunken sind, bleibt die Gesamtschätzung dennoch erschreckend hoch. Bis 2030, so die Befürchtung von UNICEF, würden ohne weitere intervenierende Maßnahmen zusätzlich 150 Millionen Mädchen verheiratet werden.

Doch wie erwähnt, werden auch Millionen von Buben in eine zu frühe Erwachsenenrolle gedrängt. In den Länderstatistiken zeigt sich das Geschlecht betreffend ein Unterschied der Vorkommnisse. In Afrika südlich der Sahara werden die meisten Eheschließungen mit Mädchen durchgeführt. Schätzungsweise vier von zehn jungen Frauen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, dicht gefolgt von Südasien (3 von 10 Mädchen). Die Eheschließung mit Kinderbräutigamen findet sich mit 28 Porzent am häufigsten in Zentralafrika, gefolgt von Nicaragua mit 19 Prozent und Madagaskar mit 13 Prozent.

Und Kinderehe geht in den meisten Fällen mit Zwangsehe einher. Obwohl keine Erhebungen bestehen, ob Kinder aus freiem Willen oder gezwungen eine Ehe beschlossen haben, kann angenommen werden, dass Zweiteres der Normalfall ist. Um nicht in die Kategorie Zwangsehe zu fallen, müssten die betroffenen Kinder ihre volle und vor allem freie Zustimmung zur Eheschließung geben, ohne familiären Druck, mit ganzheitlichem Wissen über die Konsequenzen und Auswirkungen für ihr Leben. Da Kinder die Tragweite einer frühen Verehelichung nicht voll fassen können, lässt an der Einverstädnis zweifeln. Unabhängig diesen Umstands betont UNICEF aber, dass jegliche Form der Verheiratung vor dem 18. Geburtstag gegen Kinderrechte verstößt und untersagt sein sollte.
Kind mit zu großem Brautkleid steht verchleiert in einem Raum. Kind mit zu großem Brautkleid steht verchleiert in einem Raum. Kind mit zu großem Brautkleid steht verchleiert in einem Raum. Kind mit zu großem Brautkleid steht verchleiert in einem Raum. [157406727209861.jpg]
Nach Schätzungen von UNICEF werden jährlich 12 Millionen minderjährige Mädchen verheiratet. © Amyann Brockmeyer / pixabay

Keine andere Option

Wirtschaftliche Not, humanitäre Krisen, zu frühe Schwangerschaften. Es gibt verschiedene Gründe, warum Eltern entscheiden, ihre Kinder frühzeitig zu verheiraten. Viele der Erziehungsberechtigten sehen und kennen keinen anderen Ausweg, um ihren Nachwuchs und sich selbst vor Armut und Elend zu retten. So werden Mädchen bei unehelicher Schwangerschaft oft zur Heirat aufgefordert, um finanziell abgesichert zu sein. Auch die traditionelle Mitgift, welche der weibliche Part in die Ehe mitbringt, ist für viele Familien nur bei einer frühzeitigen Eheschließung zu finanzieren. Junge Bräute, so die Regel, verfügen über eine geringere Mitgift.

Bei humanitären Krisen wiederum hoffen Eltern, ihre Kinder vor sexueller Gewalt und Ausbeutung durch Erwachsene zu schützen, obwohl sie durch eine Eheschließung in vielen Fällen sexueller, körperlicher und emotionaler Gewalt des Partners ausgesetzt sind. Ein weiteres Beispiel findet sich, wenn Töchter als Last beziehungsweise Gut angesehen werden, mit welchem die Familien ihre Finanzen verbessern können. Der Brautpreis, welchen die Eltern für ihr Kind erhalten, wird dahingehend als Einkommensquelle gesehen.

Globales Problem

Der Irrglaube, dass Kinderehen nur in armen und weniger entwickelten Gebieten der Erde vorkommen, hält sich stark. Obwohl der Hauptgrund der Armut der Familien zuzuschreiben ist, wurde das Problem auch in industrialisierten Ländern erkannt. Nicht nur durch ImmigrantInnen und "eingeführte Ehen", wie einige vermuten. Untersuchungen zeigen, dass Länder wie die USA oder das Vereinigte Königreich genauso mit der Problematik zu kämpfen haben. Kinderehen, so ist bekannt, finden in einer Vielzahl von Gemeinschaften, Ethnien und Religionen statt.  

Um den Kampf gegen Kinderehen Stand zu halten, ist die Zusammenarbeit aller Länder gefragt. Gesetze, die eine Eheschließung vor dem 18. Geburtstag verbieten sowie die Gleichstellung der Geschlechter stärken, müssen gefestigt werden. Zudem sind Armutslinderung, die Verbesserung der sozialen Auffangnetze und das Ende von Diskriminierung und Gewalt unausweichlich, um Kinderehen zu unterbinden. Jüngste Erfolge in Tansania, welche das gesetzliche Alter für legale Eheschließung auf 18 Jahren belässt und nicht wie gefordert auf 14 Jahre herabsetzt, zeigen, dass das Bewusstsein als auch die Relevanz des Themas zunimmt.
AutorIn:
Monika Knasmillner
19.11.2019