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Ein Schnitt für die Ewigkeit

Lebensgefährlich und diskriminierend, aber dennoch kulturell verankert: die weibliche Genitalverstümmelung. Weltweit wird die menschenrechtsverletzende Praktik jährlich bei rund 4 Millionen Mädchen und Frauen durchgeführt.
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Durch Aufklärungsmaßnahmen arbeiten österreichische NGOs intensiv daran, betroffene Mädchen zumeist in afrikanischen Ländern vor dem lebensgefährlichen Eingriff zu bewahren. © Annie Spratt / unsplash
Mit der Erscheinung des Bestsellers "Desert Flower" im Jahr 1998 erlangten Menschenrechtsverletzungen durch FGM (= Female Genital Mutilation) größere Aufmerksamkeit. Die österreichische Autorin und Aktivistin Waries Dirie, geboren in Somalia, beschreibt in ihrem autobiografischen Roman die eigenen traumatisierenden Erfahrungen während und nach dem Eingriff. Mit gerade einmal fünf Jahren wurde die Genitalbeschneidung bei dem Model durchgeführt. Sie ist eine der etwa 200 Millionen FGM-Betroffenen weltweit, so Schätzungen der United Nations.  

"Die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) umfasst alle Verfahren, bei denen das weibliche Genital aus nichtmedizinischen Gründen verändert oder verletzt wird", so die Definition der Vereinten Nationen. Die Beschneidung erfolgt dabei nicht selten durch Rasierklingen, Glasscherben oder Scheren. Ohne Narkose. Die Mädchen werden an Händen und Füßen festgehalten. Verstümmelt. Und ihrem Schicksal überlassen. Einige sterben, andere leben mit fatalen Folgen. Denn FGM gefährdet die Gesundheit der Betroffenen massiv, während des Eingriffs als auch danach. Mädchen sterben aufgrund von Infektionen, Blutungen, Tetanus. Oder Leben mit schwerwiegenden Auswirkungen ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit betreffend. Durch die Verstümmelung der Geschlechtsorgane kämpfen sie mit Komplikationen etwa bei Geburten oder auch Toilettengängen. Und ihre Eltern sind mit der Prozedur trotzdem einverstanden.

Lebenslange Folgen

Obwohl die Mütter der betroffenen Mädchen die lebensgefährliche Praktik am eigenen Leib erlebt haben und um den Schmerz und die Folgen wissen, bringen sie ihre Töchter in dieselbe Situation. Denn vielmehr als die gesundheitlichen Auswirkungen fürchten Familien beispielsweise die gesellschaftliche Verurteilung, wenn der Eingriff nicht umgesetzt wird. Nicht beschnittene Mädchen werden ausgegrenzt, gelten als unrein und werden als nicht heiratswürdig abgestempelt. Der soziale Nutzen, ein akzeptierter und integrierter Teil der Gesellschaft zu sein, überwiegt.

Die Ursachen für das Ausüben dieser Menschenrechtsverletzung lassen sich laut UNFPA in fünf Kategorien einteilen: Die erste Kategorie bezieht sich auf psychosexuelle Gründe. Demnach wird FGM durchgeführt, um die Sexualität von Frauen zu kontrollieren, ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe sicherzustellen und männliches sexuelles Vergnügen zu vergrößern. Die zweite Kategorie bezieht sich auf soziologische und kulturelle Hintergründe. Laut diesen wird FGM bei der Einweihung eines Mädchens in die Weiblichkeit "zelebriert". Die letzten Kategorien verweisen auf den (irrtümlichen) Glauben an die hygienischen und ästhetischen Verbesserungen durch den Eingriff sowie sozioökonomische und religiöse Gründe. Die Bandbreite der Ursachen ist groß, umso schwerer die weltweite Beseitigung der Praktik.

Weltweite Problematik

Die Menschenrechtsverletzung durch weibliche Genitalverstümmelung ist eine tief verwurzelte Ungleichheit der Geschlechter und zudem ein globales Problem. Auch wenn die weibliche Beschneidung vor allem in 30 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens vorkommt, lassen sich auch Fälle in Teilen Asiens und Lateinamerikas festhalten. Zudem spielt die globale Migration bei der Verbreitung eine Rolle. So sind auch Mädchen in beispielsweise England oder Deutschland betroffen. Und die Opferzahl nimmt aufgrund des Weltwachstums leider zu. Vor allem in den am stärksten betroffenen Ländern, wie Mali (91%), Ägypten (91%) oder Somalia (98%), wird ein hohes Bevölkerungswachstum verzeichnet. In Folge fallen mehr Mädchen den lebensgefährlichen Eingriffen zum Opfer.
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Die Vereinten Nationen sehen in der Aufklärung der jungen Generation die größte Chance, FGM innerhalb eines Jahrzehnts zu beenden. © Doug Linstedt / unsplash

Ziel: Ein Ende bis 2030

Trotz der Komplexität der weiblichen Genitalverstümmelung setzten die United Nations das Ziel, FGM mithilfe einer einzigen Generation, in nur einem Jahrzehnt, zu bekämpfen. Durch Aufklärung, Mobilisation und Investition in junge Menschen könne der weiblichen Genitalverstümmelung ein Ende gesetzt werden, so die Organisation. Denn wie schon erste Erfolge zeigen, sind junge Menschen im Alter von 15 bis 19 Jahren, in Ländern in denen FGM weitverbreitet ist, weniger gewillt, die Praxis weiterzuverfolgen als Erwachsene im Alter von 45 bis 49 Jahren. Somit haben die Folgegenerationen eine erhöhte Chance, erwachsen zu werden, ohne das Risiko, sich dieser schädlichen Praxis zu unterziehen.

Passend dazu bezieht sich das Motto des Aktions- und Gedenktages 2020 "Unleashing Youth Power" darauf, junge Menschen dafür zu mobilisieren, sich für die Beseitigung schädlicher Praktiken, einschließlich der Genitalverstümmelung von Frauen, stark zu machen und ihre Stimme zu erheben. Denn nur mithilfe des Einbezugs dieser Generation kann weibliche Genitalverstümmelung in diesem Jahrzehnt beendet werden.

Spendenprojekte

Folgende österreichische NGOs setzen sich durch Projekte für die Bekämpfung von FGM ein und unterstützen Betroffene:

Waries Dirie gründete 2002 ihre Organisation Desert Flower Foundation, die sich dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung verschrieben hat.

Aktion Regen leistet durch sogenannte Rain Workers Bildungsarbeit in Ländern Afrikas, um die Bevölkerung über FGM und deren Folgen aufzuklären.  

Durch intensiven Aufklärungsunterricht über die gefährliche Praktik unterstützt ADRA Österreich gefährdete Maasai-Mädchen in Kenia.