Der Exodus der Rohingya

Wenn es die Volksgruppe der Rohingya, die im Bundesstaat Rakhaing an der Nordküste von Myanmar lebt, auf die Titelseiten europäischer Medien schaffen, ist der Grund ein tragischer: Seit der Unabhängigkeit des Landes 1948 wurden sie wiederholt Opfer systematischer Militärgewalt, der aktuelle Konflikt machte im letzten Jahr Hunderttausende zu Flüchtlingen.

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Angehörige der Rohingya in einem kippenden Boot auf ihrer Flucht nach Dakhinpara in Bangladesch am 12.09.2017. © Jordi Bernabeu Farrús / CC BY-NC-ND 2.0
Denn bei der mehrheitlich sunnitischen Volksgruppe handle es sich laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR um "die am meisten verfolgte Minderheit der Welt", wie der Asienexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ulrich Delius, 2012 in einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard erklärte. "Rohingya" ist die Eigenbezeichnung der muslimischen Bevölkerung in Rakhaing, dem Grenzstaat zu Bangladesch. Als nach der Abtrennung der britischen Kronkolonie Birma (heute Myanmar) vom Kaiserreich Indien eine neue Grenzziehung erfolgte, wurden die im Grenzgebiet lebenden Muslime nicht berücksichtigt.

Seit der Unabhängigkeit Birmas 1948 bezeichnet die buddhistische Mehrheit – und somit auch die Regierung – die Muslime und Muslimas von Rakhaing als bengalische MigrantInnen. 1982 besiegelte die damalige Militärdiktatur die systematische Unterdrückung mit einem Staatsbürgerschaftsgesetz, welches zwar 135 Ethnien anerkannte, doch die Rohingya waren keine davon. Als Staatenlose sind sie bis heute weitgehend vom Arbeitsmarkt und der Gesundheitsversorgung abgeschnitten, die Analphabetenrate liegt bei 80 Prozent.

UNHCR spricht von "ethnischer Säuberung"

In den vergangenen Jahrzehnten führte das Militär zahlreiche Operationen zur Vertreibung der Rohingya aus Rakhaing durch, Fluchtwellen waren die Folge. Ein so starker und rassistisch motivierter "blanker Hass", wie in diesem Konflikt, sei ihm noch kaum untergekommen, erzählte Ulrich Delius 2012 dem Standard. Wohl aus diplomatischen Gründen gab es bislang kaum eine Einmischung durch andere Länder. Auch im muslimischen Malaysia und Indonesien hätten es die Rohingya zusehends schwerer, als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Allein die NGO Malteser International leistet seit Jahren humanitäre Hilfe in der Region.

2015 erschwerte eine Flutkatastrophe, von der auch der Bundesstaat Rakhaing betroffen war, die Situation. Seit Herbst 2016 gibt es eine neue, anhaltende Welle der Gewalt, viele flohen über die Grenze nach Bangladesch. Teile der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung unterstützt das Militär bei der Verfolgung der Rohingya, eine Hungerkrise ist nun die Folge. Dann, am 25. August 2017 greifen Rohingya-Aktivisten einen Polizei- und Militärposten an: Laut Human Rights Watch wurden seit Ende des Sommers 288 Dörfer zerstört, unter den Todesopfern sind hauptsächlich unbewaffnete ZivilistInnen. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, der Jordanier Seid al-Hussein, verurteilte das Vorgehen als "ethnische Säuberung".

Angst vor Epidemien wächst, 370 Millionen Euro Nothilfe werden benötigt

Seit August dürften 582.000 Menschen aus Rakhaing geflohen sein, was einem Exodus der Minderheit gleichkommt (weltweit dürfte es 1,5 Millionen Angehörige der Rohingya geben, die meisten leben bereits im Exil). In mehreren provisorischen Flüchtlingslagern im angrenzenden bangladeschischen Bezirk Cox‘ Bazar versuchen Hilfsorganisationen insgesamt 795.000 Geflüchtete mit dem Notwendigsten zu versorgen – trotz katastrophaler Infrastruktur, fehlender Sanitäranlagen und kaum sauberem Trinkwasser. Daher gehe von Durchfallerkrankungen derzeit die größte Gefahr aus, so ein Report von Ärzte ohne Grenzen. Doch wenn sich die Situation nicht rasch verbessert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Epidemie, ausgelöst durch Infektionskrankheiten wie der Cholera, ausbricht.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk nimmt an, dass eine Unterstützungssumme von insgesamt 370 Millionen Euro notwendig sein wird, um den Geflohenen in ihrer größten Not zu helfen. UNHCR ist im Transitzentrum Kutupalong in Cox' Bazar vor Ort. Am 18.10.2017 berichtete das Hilfswerk, dass noch 15.000 Flüchtlinge an der Grenze zu Bangladesch festsitzen dürften. Sie versorgen die Gestrandeten mit Lebensmitteln und Trinkwasser und verhandeln mit den bangladeschischen Behörden, um die Einreise zu beschleunigen. Auch österreichische NGOs informieren über und unterstützen die Katastrophenhilfe in Cox' Bazar:
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© Walter Grösel

Ärzte ohne Grenzen

Die internationale NGO für medizinische Hilfe ist seit 1985 in Bangladesch tätig. Im Flüchtlingscamp von Kutupalong leitet Ärzte ohne Grenzen eine Klinik und eine weitere medizinische Einrichtung. Um die miserable Hygienesituation in den Griff zu bekommen, müssen umgehend 8.000 Latrinen gebaut werden. Der Bedarf an zusätzlichem Personal ist groß.
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CARE Österreich

Aktuell verteilt die NGO Care-Pakete mit Lebensmitteln, die unzähligen mangelernährten Kinder in den Flüchtlingscamps erhalten zusätzlich eine spezielle Aufbaunahrung. Sobald die Kapazitäten des Vereins es zulassen, möchte er auch die hygienische und medizinische Versorgung verbessern.
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Caritas

Die österreichische Caritas unterstützt ihre Schwesternorganisation in Bangladesch bei der Versorgung der Rohingya-Flüchtlinge. In einem Zeitraum von zwei Wochen können sie durch das Verteilen von Grundnahrungsmitteln, Trinkwasser und Kleidung bis zu 70.000 Menschen helfen.
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Diakonie Katastrophenhilfe

Über das weltweite kirchliche Netzwerk ACT Alliance ist die Katastrophenhilfe der österreichischen Diakonie auch im bangladeschischen Bezirk Cox‘ Bazar vertreten. Neben Nahrungsmitteln verteilen sie auch Hygieneartikel und Zelte an die Geflohenen.
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World Vision Österreich

Unter dem Titel "Wir dürfen diese Flüchtlinge nicht vergessen" hat World Vision Österreich einen eigenen Spendenaufruf für die geflüchteten Rohingya gestartet. Die NGO leistet in Bangladesch Nothilfe, ihr Hauptaugenmerk gilt den Kindern.
Autor:
Hannah Hauptmann
18.10.2017